Bahnhofswald: Zeitzeugen bestätigen Existenz von Bach und Quellen

Feuchtbiotop mit Quellen im Bahnhofswald. Ursprünglich führte sogar eine Bach durch das Gebiet, der später verrohrt wurde. – Foto: Dr. Helmreich Eberlein

In der Einwohnerfragestunde zur Ratsversammlung am 25.6. gab es mehrere Fragen von Bürger*innen zum Thema Hotelprojekt am Bahnhofswald, die von der Leiterin der städtischen Planungsabteilung, Claudia Takla Zehrfeld beantwortet wurden. Darunter auch eine Frage zur Existenz eines Feuchtbiotops und von Quellen im Bahnhofswald. Die Bürgerinitiative Bahnhofsviertel hatte mehrmals darauf hingewiesen, dass es sich dabei um ein möglicherweise naturschutzrechtlich geschütztes Biotop handele, das nicht durch den Bau des geplanten Hotels zerstört werden dürfe. Frau Takla Zehrfeld verneinte dies und verwies bei ihrer Antwort auf eine nicht näher erläuterte gutachterliche Einschätzung.

Nun berichten drei ältere Zeitzeugen, dass es in der Vergangenheit einen nicht verrohrten Bach und sehr wohl auch Quellen gab. Einer der Zeitzeugen, Gert Hagel, hat sogar seine Erinnerungen daran schriftlich festgehalten. Wir veröffentlichen untenstehend seine

Kindheitserinnerungen an die „Schweizerhalle“

von Gert Hagel, Flensburg

Der Umstand, dass meine elterliche Wohnung auf der Rude in der Diblerstraße lag und mein zweites Zuhause der Kiosk am Neumarkt war, der durch meine Mutter viele Jahre geführt wurde, hatte zur Folge, dass der Weg zwischen diesen Orten fast täglich zu bewältigen war.

Da meine Mutter schon frühzeitig alleinerziehend war, wurde ich zuerst von meinem Kindermädchen begleitet, ab einem gewissen Alter durfte ich dann am fruhen Abend allein zur Wohnung gehen.

Der Vorgabe meiner Mutter, den direkten Weg über die Schleswiger Straße zu nehmen, wurde nicht immer gefolgt, weil der alternative Weg an der Brauerei vorbei durch die „Schweizerhalle“ der fraglos spannendere war.

Es wartete zuerst der Spielplatz, im Sommer dann die Mirabellenbäume, der Bolzplatz und die Schafe, die neben der Gaststätte „Schweizerhalle“ grasten.

Für viele Kinder aus dem Einzugsgebiet Rude, Teichstraße, Mittelstraße war es das Paradies.

lm Sommer, wenn wir nach stundenlangem Fussballspielen verschwitzt unseren Durst löschen wollten, füllten wir unsere Trinkflaschen mit frischem Wasser aus der Quelle auf, die sich im Wäldchen am Hang neben der Gaststätte befand.

Wenn wir allzu verdreckt waren, war der kleine Bach auch unser Waschplatz.

Dadurch, dass die Mutter des gleichaltrigen Nachbarsjungen in der Gaststätte gearbeitet hatte, war es in der warmen Jahreszeit unserer Abenteuerplatz. Es gab immer etwas zu entdecken.

Bäume erklettern, oder auch mal im versteckten Sumpf versinken, Libellen und Frösche beobachten.

Vom oberen Teil des abfallenden südlichen Zuganges zur „Schweizerhalle“, der im Winter unsere Rodelbahn war, hatte man Einblick auf diesen feuchten Teil des Wäldchens.

Stadtmodell aus den 1950er Jahren mit Bach und „Schweizerhalle“, links die Schleswiger Straße, rechts die Bahnhofstraße. Claus Kühne schreibt dazu: Im Rathaus befindet sich ein Modell der Stadt, auf dem klar der Bach zu erkennen ist, wenn auch nicht ganz richtig, denn meiner Meinung nach entsprang dieser noch weiter südlich und mehr an der Hangsole. Auch in nördlicher Richtung ist der Bach falsch eingezeichnet, denn dieser verlief bis fast zur Brauerei. Um zum kleinen Ausflugslokal „Schweizerhalle“ zu kommen, musste man über eine kleine Brücke gehen. Foto: Claus Kühne
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Über bibahnhofsviertel

Günter Strempel und ich sind gemeinsam Sprecher der Bürgerinitiative Bahnhofsviertel Flensburg. Unser Anliegen gilt dem Erhalt des Bahnhofswaldes sowie der langjährigen Entwicklung des Viertels. Dabei sollten die endgültige Funktion des Bahnhofs, der Umzug der Brauerei und die Planung der Post berücksichtigt werden.

Ein Gedanke zu „Bahnhofswald: Zeitzeugen bestätigen Existenz von Bach und Quellen

  1. Betr Gert Hagels Kindheitserinnerungen an die „Schweizerhalle“

    Ich kann mich als „Zeitzeuge“, der als Kind und Jugendlicher zwischen den Jahren 1956 und 1966 im Gelände der Schweizerhalle gespielt hat, den Ausführungen Gert Hagels nur in vollem Umfang anschließen. Hier noch ein paar weitere Reminiszenzen und vielleicht nicht uninteressante Ergänzungen: In meiner Erinnerung – es muss ca. 1956 gewesen sein (ich
    war damals 5 Jahre alt) – wurde im Gelände der Schweizerhalle ein für uns Kinder toller Spielplatz geschaffen, der in den folgende Jahren regen Zuspruch bei vielen Kindern aus dem Stadtteil „Achter de Möhl“ (d.h. aus der Teichstr.,Mittelstr., Waitzstr., von Munketoft) und von der Rude fand.
    Insbesondere auch, weil seitens der Stadt 2 Bolzplatzflächen mit festen Toren errichtet wurden: für die damalige Zeit sicher ein neuartiges Konzept in der Spielplatzgestaltung. – 7 Jahre später – so gegen 1963 – war diese Anlage aber stark „in die Jahre“ gekommen. Das lag zum einen an der fehlenden Drainage dieser Spielflächen (wir haben es hier mit den Auswirkungen eines potenziellen Feuchtbiotops zu tun), sodass nach etlichen Jahren der Dauernutzung die Bolzflächen nicht mehr nutzbar waren. Gleichzeitig veränderte sich in diesem Zeitraum die Anzahl der Kinder und Jugendlichen aus den oben genannten Herkunftsstraßen in starkem Maße. Die besonders starken Geburtenjahrgänge waren 1963 inzwischen größtenteils in die Lehre, in einen Beruf oder eine fortgeschrittene sekundäre Schulausbildung gegangen. Kinder und Jugendliche der Geburtsjahrgänge 1950 und später waren im Bereich“Achter de Möhl“ zahlenmäßig weniger stark in der Bevölkerung vertreten. Diese demografische Entwicklung im Stadtteil – einhergehend mit einer zunehmenden Vernachlässigung des Spielplatzes „Schweizerhalle“ durch die Stadt – führte letztendlich zu einer Verwahrlosung des gesamten Geländes, trug aber auch dazu bei, dass dieser Raum zunehmend als naturbelassenes Abenteuerreservoir von uns Kindern und Jugendlichen der Jahrgänge 1950 und später erschlossen wurde. Vorbei waren die Zeiten der unendlichen Fußballschlachten. Das Gebiet wurde aufgrund seines Brachzustandes immer verwunschener.- Nun brach für uns aber im angrenzenden Waldbereich mit seinem durch einen Bach geprägten Feuchtbiotop eine neue Ära der Verfolgungs- und Anschleichspiele oder pfadfinderlichen Aktivitäten an.- Kein Erwachsener weit und breit. Welch herrliche Möglichkeiten jugendlicher Sozialisation!-
    Wie Gert Hagels richtig angemerkt hat, ging es nach den heißen Fußballspielen oftmals gemeinsam zum durstlöschenden artesischen Brunnen. Dieser befand sich in der Nähe, d.h. wir mussten zunächst einen breiten Bach überqueren, um zum Hanggelände der Schleswiger Str. zu gelangen, wo sich der Brunnen/die Quelle befand. Auf der anderen Seite des Baches müssen sich wohl einige frühere Gartenparzellen befunden haben, die dann Ende der 50 Jahre wohl brachgefallen waren, Mit dem umgebenden Baumbestand konnte man auf jeden Fall von einem kostbaren urwaldähnlichen Gebiet sprechen.
    Unsere artesische Quelle verbinde ich in meiner Erinnerung mit einem gemauerten Brunnen, zu dem ein Metallrohr gehörte, aus dem unablässig herrlich kaltes, eisenhaltiges Wasser trat, das von uns gierig getrunken wurde.- Das Gebiet der „Schweizerhalle“ war 1963 und später für uns zu einem nun naturnahen Abenteuerbiotop geworden.
    Ulrich Lorenzen

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